Die unglaubliche Geschichte des Michael Schumacher...
 
(im Aufbau)
 
"Schumacher, who?"

Michael Schumachers erster Grand Prix war kurz. Die Vorgeschichte dazu umso länger und amüsanter.

 

Der Stoff um das Formel-1-Debüt von Michael Schumacher würde problemlos für einen Roman reichen. All jene, die den kometenhaften Aufstieg des Jungen von der Kerpener Kartbahn hautnah erlebt haben, werden die Umstände eines außergewöhnlichen Karrierestarts wohl nie vergessen. Begonnen hatte alles Mitte August, als Eddie Jordans Stammfahrer Bertrand Gachot von einem Londoner Gericht zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, weil sich der Belgier bei einer Auseinandersetzung mit ei­nem Taxifahrer mit Reizgas zur Wehr gesetzt hatte. Während Gachot die Formel 1 fortan durch Gitterstäbe verfolgte, musste sich Jordan nach Ersatz umschauen. In Frage kamen neben den Ex-Formel-1-Fahrern Stefan Johansson und Derek Warwick auch der ehemalige F1­Weltmeister Keke Rosberg, obwohl dieser zu jenem Zeitpunkt bereits seit fünf Jahren keinen F1-Boliden mehr bewegt hatte.

Jordan, der gerne einen erfahrenen Mann in sein Cockpit gesetzt hätte, war zu dieser Zeit auf die finanzielle Mitgift eines Piloten angewiesen. Der Rennstall des damals 43-jahrigen Iren debütierte zu Saisonbeginn und stand finanziell auf wackligen Beinen. Ein Newcomer, der finanzielle Mittel im Gepäck hat, wäre Jordan sehr gelegen gekommen. Ein solcher war Michael Schumacher. Jordan wusste vom Deutschen, aber nur flüchtig. Schumacher gewann im Vorjahr das Formel-3-Rennen in Macau und fuhr 1991 neben Karl Wendlinger in der Sportwagen-WM für Mercedes. Zudem pflegte EJ Kontakt zu Schumacher-Manager Willi Weber, der zu Saisonbeginn am Kauf des Formel-3000-Teams von Eddie Jordan interessiert war.

«Ich war gerade beim Sportwagenrennen am Nürburgring, als ich erführ, dass Gachot wegen seiner Taxi­fahrer-Geschichte ins Gefängnis kommt», erinnert sich Willi Weber. «Jordan brauchte also einen neuen Fahrer. Ich rief Eddie in Spa­nien an und erzählte ihm von Michael. Zuerst dachte er, ich möchte ihm Stefan Johansson unterjubeln, doch ich sagte ihm, vergiss Stefan, ich habe mit Michael einen besseren Trumpf in der Hand.» «Schumacher, who?, klang es am Ende der Leitung», erinnert sich Weber. «Ich musste Eddie auf die Sprünge helfen und erzählte ihm von den Erfolgen Michaels. Als er mich fragte, ob er schon einmal in Spa gefahren sei, antwortete ich ihm, ja, schon 100 Mal. Das war eine faustdicke Lüge. Michael kannte Spa überhaupt nicht. Er war dort noch nie gefahren. Jordan bat mich um Bedenkzeit. Doch die bekam er nicht, ich rief ihn stündlich an...»

Eddie war sich der Sache nicht sicher. Sein Wunschpilot blieb Keke Rosberg. «Eddie war verrückt nach Keke», erinnert sich Teammanager Trevor Foster «Er rief mich an und erzählte mir von Keke. Als ich ihm sagte, dass Rosberg bereits 43 Jahre alt sei, staunte er. Er war im festen Glauben, Keke sei noch keine 38 Jahre alt. Ich wechselte das Thema und brachte Schumacher ins Gespräch. Doch Eddie machte sich Sorgen, weil der Deutsche keine Erfahrung hatte. » Fast gleichzeitig rief Weber an und bat Eddie, er solle Michael eine Testmöglichkeit geben. «Ich fragte ihn, wie viel er für einen Test ver­langen würde. Eddie sagte 80 000 Pfund, ich willigte ein, schickte ihm noch am selben Abend einen Scheck und fixierte mit einem Anwalt einen Vertrag», so Weber. Am Montag nach dem Rennen auf dem Nürburgring flogen Schumacher, Weber und Mercedes-Sportchef Jochen Neerpasch nach England. Bevor allerdings ein Besuch bei Eddie Jordan auf dem Programm stand, war das Trio kurz Gast bei Arrows, die ebenfalls Interesse am Deutschen bekundet hatten. Das Thema Arrows war jedoch rasch abgehakt, und man machte sich auf den Weg zu Jordan. Dort schlüpfte Michael in einen Overall von Andrea de Cesaris. Am Tag darauf begab sich der Kerpener mit Trevor Foster, PR-Chef Ian Philipps und drei Mechanikern zum Südkurs von Silverstone.

«Er fuhr hinaus und ließ schon in der zweiten Runde die Bremsscheiben glühen, als er vor unseren Augen durch die Schikane räuberte», erzählt Foster. «Es machte den Eindruck, als habe er nie etwas anderes im Leben gemacht, als Formel-1-Autos zu fahren.» «Nach zehn Runden, in denen ich einige Male arg ins Schwitzen geriet, haben wir ihn wieder reingeholt. Ich sagte zu Weber, er solle ihm zu verstehen geben, dass er es etwas ruhiger angehen soll. Der Motor in seinem Auto sei das Aggregat für die beiden Trainingstage in Spa­Francorchamps. Ich wollte verhindern, dass irgendetwas zu Schaden kommt.» Als Michael zurück an die Boxen kam, nahm ihn Weber zur Brust. Der fragte nur er­staunt, wo das Problem liege, alles sei im grünen Bereich. Foster, der einerseits ob der Leistung des Deutschen entzückt war, anderseits sei­ne Bedenken kaum verber­gen konnte, ließ Schumacher zehn weitere Runden drehen. Als Michael zum zweiten Mal zu den Boxen zurückkam, griff Foster erleichtert zum Telefon. «Ich rief Eddie an und übermittel­te ihm die Testergebnisse. Als er sich nach den Rundenzeiten erkundigte, wurde ich etwas verlegen. Michaels Zeiten waren besser als jene von de Cesaris und Gachot!»

Jordan ließ sich nicht zweimal bitten. Für das Rennen in Spa wurde ein Vertrag unterzeichnet. Schumachers Mitgift: 150 000 Pfund. Diese Summe wurde von Mercedes garantiert. Dekra und TicTac als Sponsoren des Kerpeners organisierten das Geld. «Ich war zwar noch immer nicht 1oo-prozentig überzeugt, ob es Michael packen würde, aber ich habe das Risiko auf mich genommen und erteilte Johansson, der zu diesem Zeitpunkt als Alternative galt, einen Korb», so Eddie Jordan. Am Donnerstag vor dem Rennen fuhren Weber und Schumacher in Michaels Mercedes 230 Coupé von Kerpen nach Spa. Erst bei der Ankunft gestand Weber seinem Schützling die Lüge von Michaels angeblicher Streckenkenntnis. «Ich sagte zu Michael, dass ich Eddie einen Bären aufgebunden habe und ihn glauben ließ, dass du die Strecke schon öfters gefahren bist. Michael zuckte zusammen. Er habe von dieser Strecke nicht den leisesten Schimmer. Ich müsse es Eddie beichten. Also bin ich zu Eddie gegangen und sagte ihm, dass ich mich getäuscht habe. Die Strecke, die Michael so gut kennen würde, wäre nicht Spa, sondern Zolder, worauf Jordan kurzerhand ausflippte und mich fragte, was wir jetzt tun sollen. Nichts, sagte ich, lass den Jungen fahren.»

Den ganzen Donnerstag wartete Michael vergeblich, dass ihn Teamkollege de Cesaris mit einem Mietwagen um die Strecke chauffierte. Dazu Foster: «Ich bat Andrea unserem Neuling die Schlüsselstellen zu zeigen, doch dieser hatte nur Ausreden auf Lager und keine Zeit. Michael hat das wenig gestört. Er nahm sein zusammenklappbares Fahrrad aus dem Kofferraum seines Wagens und drehte damit zwei Runden auf der ihm unbekannten Piste.» Gen Abend verließen Weber und Schumacher die Strecke. Ziel war jedoch kein Fünf-Sterne-Hotel. «Die Hotelbuchung hatte nicht geklappt», so Weber. «Wir mussten uns was Neues suchen. Etwas außerhalb von Spa gingen wir in die Jugendherberge. Es war ein Zimmer mit zwei kleinen Betten, Michael schlief links, ich rechts, in der Mitte des Raums befanden sich Lavabo und Toilette...»

Im Freitagtraining ließ Michael erstmals aufhorchen. «Ich weiß noch genau, dass er nie aus den Top-Ten rausgefallen ist. Er fuhr wie ein Profi, kam an die Boxen und erklärte uns, wo man das Auto noch etwas schneller machen könnte», erklärt Foster. Auch Philipps denkt heute noch gerne an diesen August-Freitag zurück. «Er hat schon im ersten Freien Training eine tolle Show geboten. Ich war überzeugt, da kommt einer, der die Formel 1 neu aufmischt.» Nach zwei Trainingstagen stand Michael Platz 8 zu Buche. Weil die Zeit von Williams-Pilot Ricardo Patrese gestrichen wurde, rückte der Jordan-Pilot sogar auf P7 vor. Am Renntag ließ Schumacher seine Klasse noch einmal kurz aufblitzen, als er am Start zwischen Jean Alesi und Nelson Piquet in eine Lücke stach und es sich auf Platz 5 bequem machen wollte. Weit kam der Kerpener allerdings nicht. Nach wenigen Metern rollte sein Jordan ohne Antrieb aus. Noch einmal saß Michael im Jordan, wieder in Silverstone. Tage später wechselte er zu Benetton. Aber das, das ist eine andere Geschichte.

(Quelle: Motorsport aktuell)

Heute wissen wir ja, was aus der ganzen Geschichte geworden ist:

 
Der Weltmeister ´94 - ´95 - 2000 - 2001 - 2002 - 2003 ?
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